Was ist die klinische Psychologie?

Die klinische Psychologie ist neben der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie (bzw. Marktpsychologie) und der pädagogischen Psychologie das dritte der Hauptgebiete der angewandten Psychologie und auch eines der drei möglichen Spezialisierungsgebiete des Psychologiestudiums. Sie wird vom Laien häufig mit der Psychologie per se verwechselt und beschäftigt sich mit der Identifizierung, Definition, Diagnose, Intervention, Prävention und Rehabilitation psychischer Störungen. Sie greift dabei anders als die Psychiatrie auf psychologische Mechanismen, Phänomene und Bedingungen zurück und setzt hierbei auch Beziehungen zu medizinischen, biologischen, neurologischen und anderen Forschungsergebnissen. Aus der klinischen Psychologie entstandene bzw. rückgreifende Psychotherapiekonzepte sind allerdings eher selten, eine Ausnahme stellt die Verhaltenstherapie dar. Die meisten anderen Psychotherapiekonzepte entwickelten sich abseits der akademischen Psychologie durch die (laienhaften, unwissenschaftlichen und empirisch unbegründeten) Persönlichkeitstheorien einzelner Persönlichkeiten - wie z.B. Freuds Psychoanalyse.
Die klinische Psychologie ist ein relativ junger Zweig der Psychologie und ihre Definition gilt als umstritten, insbesondere die Abgrenzung zur Psychiatrie ist bislang noch uneinheitlich. Letztere ist eine medizinisch orientierte Krankheits- und Theorielehre, der bisweilen psychologische Grundlagen fehlen - mittlerweile scheint sich aber eine Verwischung der Grenzlinie zwischen beiden Disziplinen anzudeuten. 

Was ist Psychiatrie?

In Allgemeinarzt-Praxen lassen sich Psychische Erkrankungen mit 5,6% aller Konsultationsgründe diese an der sechsten Stelle der Gründe, die zum Arztbesuch führen einordnen. Dies bedeutet, daß der Allgemeinmediziner sich in vielen Fällen mit psychischen Störungen befassen muss und einen entsprechenden Kenntnisstand aufzuweisen hat. Die Psychiatrie ist damit ein notwendier Fachbereich, der sowohl den Experten, als auch den praxisorientierten Kliniker betrifft.

Als häufigste psychische Erkrankungen treten dabei in Erscheinung:

akute depressive Erkrankungen           

8,6%

generalisierte Angst 

8,5%

Neurasthenie

7,5%

Alkoholabhängigkeit 

6,3%

Somatisierungsstörungen   

2,1%

Die Grenzen der Psychiatrie

Die Psychiatrie lässt sich als medizinisches Fachgebiet zu den anderen Wissenschaften mit psychischen Inhalten abgrenzen:

  • Psychologie
    befasst sich nicht nur mit klinischen Inhalten; d. h. Psychiatrie zeichnet sich durch die Untersuchung und Behandlung seelischer Erkrankungen aus, während die Psychologie benötigt wird, um das nichtpathologische Verhalten zu benennen

  • Psychotherapie
    findet sich oft nur im Kontext von Psychosomatik,
    Methodik im Einsatz vieler Fachrichtungen, nicht nur der Psychiatrie.
    In der Klinik werden wesentliche Verfahren aus der Verhaltenstherapie verwendet, denn nur hier finden sich evaluierte Daten.

  • Psychoanalyse
    Sonderdisziplin der Psychotherapie

  • Psychosomatik
    in Deutschland ein eigenes medizinisches Fachgebiet

Die Verknüpfung geistig-seelischer Zustände mit körperlichen Erscheinungsformen und Entsprechungen ist seit langem bekannt, so schreibt z. B. S. Freud: "Es ist ein unerschütterliches Resultat der Forschung, daß die entscheidenden Vorgänge unseres Seelenlebens an das Gehirn geknüpft ist". Es zeigte sich, dass viele der medizinischen Erkrankungen psychisch moduliert werden, z. B. Gastrointestinalerkrankungten, Morbus Parkinson, Myokardinfarkt und Multiple Sklerose.

Die individuelle Einstellung des Mediziners zu einer Erkrankung ist ein wesentlicher Entdeckungs- und Behandlungsfaktor. Dies zeigt sich z. B. in der Diagnosestellung bei einer vorliegenden Panikerkrankung. Diese äußert sich in den Symptomen  Herzrasen, Luftnot, Schmerzen oder Druck in der Brust, Unruhe und Todesangst. Die typischen klinischen Maßnahmen sind Notarzt, Intensivstation, Herzkatheter,  sowie die medizinische Diagnosestelling: kein pathologischer Befund!

Als Konsequenz ergibt sich bei der fehlenden Betrachtung psychischer Vorgänge die medizinische Aussage: "Seien Sie froh, Sie haben nichts!" - allerdings wird der akute Zustand bei einer fehlenden Behandlung bald wieder erreicht und der gesamte medizinische Apparat wird wieder unter der Fehlannahme einer körperlichen Erkrankung eingschaltet. Eine tatsächliche Hilfe erfährt der Patient damit jedoch nicht: Die Erkrankung führt bereits bei 35jährigen zur Berentung, die Suizidrate beträgt 5-10%, 20% der Patienten werden zusätzlich abhängig. Bei einer korrekten Diagnosestellung ist diese Störung hingegen über die Gabe von Antidepressiva und Verhaltenstherapie gut behandelbar.

 

Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, welche psychischen Störungen von Ärzten erkannt werden. Es zeigte sich in Erhebungen, daß nur jeweils ein Bruchteil der psychischen Störungen vom Durhcschnittsmediziner erkannt wird, selbst wenn diese nach dem ICD-10 die notwendige Kriterienzahl erfüllt. Es werden

  • 60% der Patienten mit einer psychischen ICD-10-Diagnose,

  • 45,8% der Patienten mit einer grenzwertigen Störung,

  • 38,7% der Störungen mit einem Symptom,

  • 29,8% der Alkoholerkrankungen

erkannt und diagnostiziert.

Negative soziale Folgen psychischer Erkrankungen finden sich z. B. im beruflichen Lebensbereich, so sind folgende Anteile bundesdeutscher Arbeitnehmer beruflich beeinträchtigt:

Guter Gesundheitszustand 

6,2%

Symptomträger (ein oder mehr Symptome)

24,7%

Grenzwertig  

51,0%

ICD-Diagnose 

62,8%

Psychisch Kranke sind ebenfalls hinsichtlich der allgemeinen Gesundheitsversorgung benachteiligt, so gilt der sog. "Halbierungserlass", nach dem einem psychisch erkrankten Patienten nur die Hälfte des normalen Tagessatzes zugesprochen wird.

Der typische psychopathologische Befund umfasst in der Regel die Überprüfung von:

  • Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Gedächnis und Merkfähigkeit
  • Orientierung (persönlich, zeitlich, räumlich, situational)
  •  Affekt
  • Antrieb
  • Denken
  • Wahrnehmung
  • Sinnestäuschungen
  • Ich-Störungen